Aktualisiert am

Gessn werd dahaam

Der Sophienberg – Das fränkische Italien

Christoph Scholz ist wieder auf Tour durch das kulinarische Oberfranken. Diesmal besucht er den Bayreuther Hausberg Sophienberg – das fränkische Italien.

Ich hoffe, Sie haben sich von den Strapazen unserer beiden exotischen Fernreisen in die Wurst- und Bierhauptstadt Hof und in die Gewürzhauptstadt Kulmbach gut erholt und sind bereit für ein neues Reiseabenteuer. Heute nehme ich Sie mit in die Toskana, wozu Sie nicht die gefährliche Reise nach Italien antreten müssen, sondern sich nur hier bei uns dahaam auf den Sophienberg begeben müssen.

Am Fuße des Bayreuther Hausbergs liegt Gesees, wo es seit Herbst letzten Jahres wieder ein Wirtshaus gibt, den „Löwen“. Dort treffe ich die Wirtsleute Diana Schulz und Jörg Schöner, die das historische Gemäuer, das seit 2011 leer stand, mit viel Eigenleistung, fleißigen Handwerkern und unzähligen helfenden Händen, wie denen der Geseeser Kerwaburschen, in etwa drei Jahren Bauzeit in ein Schmuckstück verwandelt haben.

Der “Löwe” in Gesees

Meine Familie und ich kommen oft und gerne, weil wir uns einig sind, dass es hier die beste Biergartenküche in Bayreuth und Umgebung gibt. Und in der kalten Jahreszeit ist’s in der Wirtsstube urgemütlich. Während Diana Schulz im gut besuchten Biergarten die Gäste, darunter mittlerweile viele Stammgäste, platziert, Getränke ausschenkt und die Essensbestellungen managt, verlässt Jörg Schöner für ein paar Minuten seinen Herd, um mit mir zu sprechen.

Ich frage ihn, ob es nicht sehr wagemutig ist, in Zeiten des vielbesprochenen Wirthaussterbens in die Sanierung und Neueröffnung einer Dorfwirtschaft zu investieren. „Das stimmt schon mit dem Wirtshaussterben“, antwortet Jörg Schöner. „Aber die Leute wollen gern ins Wirtshaus. Und sie nehmen es auch an, wenn man mit der Zeit geht. Als Wirt muss man sich immer wieder was Neues einfallen lassen.“

Modernes Wirtshausambiente im “Löwen” in Gesees

Wie man mit der Zeit geht, macht das Powerteam Schulz & Schöner hier vor: Kein Kneipenmuff, sondern helle, freundliche Einrichtung, die man sich gemeinsam mit, na klar, Möbel Hertel ausgedacht hat. Statt einer Speisekarte liegt eine unterhaltsame Wirtshauszeitung aus. Es gibt Biergartenklassiker und fränkische Landküche, alles ein bisschen moderner und pfiffiger gekocht als andernorts.

In 99% der hiesigen Biergärten ärgere ich mich über die vertrockneten unappetitlichen Brotscheiben. Hier gibt’s einen dicken Rampften „Löwenbrot“, knusprig-frisch aus der Geseeser Landbäckerei. Das Konzept hat Hand und Fuß, die beiden Wirtsleute sind seit den späten 80ern in der Gastronomie tätig, führten schon den „Goldenen Löwen“ in Bayreuth.

Wenn Sie im Löwen gut gegessen und gut getrunken (mein Tipp: das süffige dunkle „Xeeser“ vom frechen kleinen Herrmann Bräu) haben, unternehmen Sie einen gemütlichen Verdauungsspaziergang auf den Kirchberg, auf den es direkt hinterm Löwen sanft hinaufgeht. Wenn Sie von dort ins Land schauen, in diese leicht diesige Hochsommersinfonie aus grün und blau und gelb, dann können Sie sich vorstellen, in eine liebliche italienische Landschaft zu blicken.

Toskanablicke auf dem Sophienberg

Auf dem Bergsporn steht die mächtige Kirche „St. Marien zum Gesees“, auch die „Krone der Toskana, ähm, des Hummelgaus“ genannt. Auf dem Kirchberg liegt ein großer Obstgarten, aus dem sich in früheren Zeiten auch die Pfarrer mit ernähren konnten. Über dreihundert Bäume wachsen hier, darunter Seltenheiten wie der „Bamberger Blauapfel“ oder die Birnensorte „Kleine Pfalzgräfin“. Eine Pflanzliste aus dem Jahr 1922 gibt Aufschluss.

Wie unten das Wirtshaus, erzählt der Obstgarten die Geschichte einer erfolgreichen Wiederbelebung eines wertvollen Stücks Kulturgut. Es war im Jahr 2012, als der traditionsreiche Geseeser Obst- und Gartenbauverein in eine Krise geraten war, fast wollte man sich auflösen. Georg Nützel wird zum 1.Vorsitzenden gewählt und sucht ein Projekt, um dem Vereinsleben wieder neuen Schub zu geben.

„Auf dem Kirchberg müsste man was machen“, dachte er sich. Bereits im Herbst 2012 ernten die Vereinsmitglieder die ersten Äpfel, der 1. Kirchweih-Apfelsaft wird gepresst. „Unsere Äpfel sehen nicht so schön wie die im Supermarkt aus“, sagt Georg Nützel lachend, „aber unser Saft bringt es auf 53 Oechsle, falls Ihnen das was sagt“.

Geseeser Kirchberg als Teil des Biodiversitätsprojektes der Regierung von Oberfranken

Hört sich wie guter Stoff für mich an. Im Frühjahr drauf folgte der erste Schnitt. Dann ging’s Schlag auf Schlag: Die Regierung von Oberfranken wählt den Kirchberg als Teil des Biodiversitätsprojekts zur Sicherung von Obstsorten in Oberfranken aus. Man stellte die notwendigen Mittel für Untersuchungen, Schautafeln und Pflege zur Verfügung. Auch der Landkreis hilft kräftig mit. Die Kirchenstiftung verpachtet das Land an einen Schäfer, der Obst- und Gartenbauverein übernimmt die Pflege der Obstbäume.

2018 feierte man die Eröffnung des Obstlehrpfades Gesees, so die offizielle Bezeichnung. Ob es heuer noch Führungen oder den dreiundfünfzigprozentigen Kirchweih-Apfelsaft geben wird, weiß man lagebedingt noch nicht. Nächstes Jahr feiert Gesees seinen 700. Geburtstag, spätestens dann soll es ein Programm rund um den Kirchberg geben.

Toskanablick auf dem Hochland des Sophienberges

Nehmen Sie den steilen Pilgerweg vom Kircheingang in Richtung Löwe zurück. Wenn Sie noch Zeit haben, empfehle ich Ihnen, mit Ihrem Auto oder Fahrrad die kleine Straße zu nehmen, die hinterm Löwen an Kirche und Obstgarten vorbei aufs Hochland des Sophienberges führt. Atemberaubende Toskanablicke in unser Bayreuther Land inklusive. Man sieht verliebte Pärchen und Gruppen von Boccia-Spielern. Sie kommen an den Bergstubn vorbei. Wirt Dieter Albrecht ist der Schäfer, der zugleich Pächter des Obstgartens ist, und dessen Schafherde dort zweimal im Jahr „für Ordnung“ sorgt.

Stöckelkeller in Unternschreez

Irgendwann landen Sie im Dörfchen Unternschreez. Dort haben meine Familie und ich das seit 2003 verlassene Wirtshaus neben dem Schloss gekauft. Irgendwann wollen wir dort wohnen und einen Ort unter dem Namen „Stöckelkeller“ für Bau- und Gartenkultur und regionales Handwerk schaffen.

Stöckelkeller in Unternschreez. Foto: Dita Vollmond

Einsturzgefahr

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, Sie herzlich einzuladen, uns vom 7. – 9. August zu besuchen. Dann inszenieren wir gemeinsam mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern, Fotografen, Architekten, Handwerkerinnen und Handwerkern die etwa dreihundert Jahre alten Gemäuer als „Kunst- und Kulturbaustelle“ unter dem Titel „Einsturzgefahr“.

Meine Schwester, die Berliner Künstlerin Bettina Scholz verwandelt die alte Wirtshausküche mit ihren 3D-Glasbildern in eine Kunstgalerie. Der Bayreuther Redakteur und Fotograf Udo Meixner bespielt mit seinen großformatigen Lost-Spaces-Fotografien Schweinestall und Schlachtraum. Das Regionalmanagement von Stadt und Landkreis Bayreuth stellt die Sanierungs-Erstberatung für Bauherren vor, die sich
leerstehenden Gebäuden annehmen wollen. Aus Hollfeld kommen unser Architekt Georg Schilling und Kaffeemensch Wolfgang Bornschlegel, den Sie aus Folge 6 kennen.

Wenn Sie kommen, führe ich Sie – mit Bauhelm – durch die Ausstellung. Und einen Blick in die mächtige Kelleranlage, deren Baugeschichte bis ins späte 14. Jahrhundert zurückreicht, können wir dann auch werfen.

Historische Baukultur bleibt erhalten

Das Leben geht weiter. Ein verzauberter Obstgarten bringt einem Verein neues Leben und zieht Besucher aus Nah und Fern an. Zwei alte Wirtshäuser werden mit neuen Konzepten vor Verfall und Abriss bewahrt, historische Baukultur bleibt so erhalten. Wegen der Stöckelkeller-Sanierung bin ich jetzt halb zugezogener Bayreuther, halb noch nicht angekommener Unternschreezer.

Jedenfalls werde ich in nächster Zeit oft auf dem Sophienberg sein. Mit Diana Schulz und Georg Nützel mache ich aus, dass wir im Herbst gemeinsam einen Kuchen mit Obst vom Kirchberg in der Löwenküche backen. Die Kuchen sind nämlich überhaupt das Beste im Löwen.

Meine Sophienberg-Tipps:

Christoph Scholz

Christoph Scholz

Christoph Scholz ist 45 Jahre alt und Familienvater. Sein Geld verdient er als Projektleiter bei Semmel Concerts. Privat beschäftigt er sich gerne mit den Themen Essen, Trinken, Kochen, Gastronomie und Hotellerie.

Rapsody of Spices in Kulmbach wird von den Azubis der Firma Raps geführt. Hier im Bild: Natalie Hofmann (links) und Maria Limmer (rechts). Foto: Christoph ScholzRapsody of Spices in Kulmbach wird von den Azubis der Firma Raps geführt. Hier im Bild: Natalie Hofmann (links) und Maria Limmer (rechts). Foto: Christoph Scholz
Christoph Scholz vor dem Meinel Bräu mit den Schwestern Gisi Meinel-Hansen (Mitte) und Moni Meinel-Hansen (Rechts). Foto: PrivatChristoph Scholz vor dem Meinel Bräu mit den Schwestern Gisi Meinel-Hansen (Mitte) und Moni Meinel-Hansen (Rechts). Foto: Privat
Swagman im Industriegebiet. Foto: Christoph Scholz
Möbel
Foto: Christoph Scholz
Foto: Melanie ScholzFoto: Melanie Scholz
Foto: Christoph ScholzFoto: Christoph Scholz
Foto: Redaktion
Foto: Redaktion