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Gessn werd dahaam

Gessn werd dahaam: Zu Besuch in der Privatkelterei Lehen

In Folge 16 ist Christoph Scholz zu Besuch in der Saftkelterei Lehen.

Lina Pühl, Industriemeisterin für Fruchtsaft und Getränke. Foto: Christoph Scholz.
Lina Pühl, Industriemeisterin für Fruchtsaft und Getränke. Foto: Christoph Scholz.

Auf der Frühstückskarte meines Hotels im kalifornischen Santa Monica, wo ich diese Zeilen schreibe, gibt es eine eigene Rubrik für „Wellness Juices“. Kostprobe so eines Saftes fürs Wohlbefinden gefällig? Für 12 Dollar können Sie eine „Fountain of Youth“ bestellen. Ich habe die Zutatenliste dieser „Saft-Fontäne“, die ewige Jugend verspricht, für Sie, liebe Leserin, und für Sie, lieber Leser, abgeschrieben: Orangensaft, Wildhonig, Apfelwein-Essig, Zitronensaft, Ingwer, Kurkuma und Cayenne-Pfeffer.

Schwer im Kommen

Von Kalifornien bis nach Oberfranken scheinen Säfte voll im Trend zu liegen: Der Chef des Vereins „Genussregion Oberfranken“, Norbert Heimbeck, der immer bestens über die neuesten Trends der Gastronomiebranche informiert ist, erzählte mir, dass Menüs mit nichtalkoholischer Getränkebegleitung momentan schwer im Kommen sind. Ich greife diesen Hinweis gerne auf und fahre mit unserem Mercedes-Oldtimer Richtung Weidenberg ins Fleckchen Lehen, wo mich Lina Pühl, Industriemeisterin für Fruchtsaft und Getränke, in der familieneigenen Kelterei erwartet.

Beim Apfelsilo. Foto: Privatkelterei Lehen.

Es ist die letzte Ausfahrt der Alten Lady in diesem Jahr, sie muss noch zum TÜV, und wenn sie diesen bestanden hat, werden wir sie für den Winter einmotten. Im Jahr 1948, 32 Jahre bevor geschickte Monteure unseren guten Stern auf allen Straßen in Sindelfingen zusammenschraubten, hatte ein anderer Monteur, der Wagnermeister Hans Rauh, Lina Pühls Vater, die Idee, seinen Betrieb in Lehen, in dem er Räder und landwirtschaftliche Geräte aus Holz herstellte, um eine Kelterei zu erweitern.

Apfelsaft wird abgefüllt. Foto: Privatkelterei Lehen.

Hochmoderne Saftproduktion

Einige Jahre lang war die Saftproduktion für ihn nur ein kleiner Nebenerwerb, seit den 1960er Jahren nahm das Ganze jedoch Fahrt auf: 1965 wurde ein modernes Betriebsgebäude eingeweiht, 1970 folgte eine nochmalige Erweiterung mit einer modernen Abfüllanlage. Seitdem hat die Familie immer wieder investiert, an- und umgebaut. Kommt man heute nach Lehen, findet man dort neben der hochmodernen Produktionsstätte einen bestens sortierten Getränkemarkt, in dessen Mittelpunkt die über fünfzig verschiedenen Sorten Lehen-Säfte stehen.

Wie in einem Weingeschäft

Als ich zum Interview eintreffe, verkostet ein Kunde verschiedene Säfte. Lina Pühl und ihre Schwester Gerlinde Pösch nehmen sich ausführlich Zeit, ihn zu beraten. Das ist Service wie in einem guten Weingeschäft, denke ich mir. Mit dem Wein liege ich gar nicht so falsch, denn ich erfahre, dass Tochter Christine, Betriebswirtin und Industriemeisterin für Fruchsaft und Getränke, sich derzeit zur Saftsommelière weiterbildet. Schwiegersohn Thorsten Eisenhuth, auch Industriemeister, hat den Betrieb um einen Getränkeservice für Events erweitert, Ehemann Jürgen, seines Zeichens Schlossermeister, hält die Technik in Schuss. 

Überall Saft. Foto. Christoph Scholz.

Probleme

Wir schlendern durch die Produktionshalle, die Maschinen stehen still; es gibt zu wenig Äpfel in diesem Jahr. Zwar werden noch Lieferungen erwartet, aber eigentlich müsste Anfang September, als ich die Privatkelterei besuche, die Apfelsaftproduktion schon auf Hochtouren laufen. Und auch die kommende Ampelverordnung für Lebensmittel bereitet dem Familienbetrieb aktuell Sorgen, denn ein guter Apfelsaft wird dann sehr wahrscheinlich aufgrund seines Fruchtzuckergehalts als ziemlich ungesund deklariert, während eine synthetisch hergestellte Cola Light als „gesund“ eingestuft werden könnte.

Ein breites Sortiment. Foto: Christoph Scholz.

Das Erfolgsgeheimnis 

In ihrem Büro bietet mir Lina Pühl zunächst Wasser an, korrigiert sich dann aber schnell und schenkt mir einen Cranberry-Saft ein. Lecker! Was ihr Erfolgsgeheimnis sei, frage ich: „Es muss gut schmecken!“ Die Saftsaison beginnt, je nach Witterung, im Juli mit den Beerenfrüchten – Johannisbeeren, Stachelbeeren, Sauerkirschen werden dann kontrolliert, gewaschen, zerkleinert und ausgepresst.

Der gewonnene Saft wird für kurze Zeit erhitzt und wartet dann in großen Tanks auf seine Abfüllung in Flaschen. Von September bis November wird Kernobst verarbeitet, Äpfel, Birnen und Quitten. Die meisten Früchte kommen von Lieferanten aus der Region. „Unsere Hauptfrucht ist natürlich der Apfel, der auch unser Logo schmückt“, sagt Lina Pühl. Besonders angesagt ist zur Zeit Rhabarbersaft.

Geschenkideen. Foto: Christoph Scholz.

Ein großes Sortiment

Am 30. Oktober gibt’s an dieser Stelle Karpfen aus dem Aufseßtal. Ich könnte Johannisbeersaftschorle als Aperitif und Quittensaft zum Fisch anbieten, werde dazu aber nochmal die angehende Saftsommelière Christine Eisenhuth befragen.

Und wer während des Essens auf Alkohol verzichtet, darf sich guten Gewissens einen Digestif gönnen: Seit 2000 werden in Lehen Edelbrände vom Obst aus heimischen Streuobstwiesen gebrannt. Leckere Marmeladen werden in Lehen übrigens auch hergestellt, ein Sortiment, das Großmutter Rauh aufgebaut hat.

Unter der kalifornischen Sonne mag ich noch nicht an die kalte Jahreszeit in Bayreuth denken, aber mich beruhigt die Vorstellung, dass ich mich mit Glühwein (alkoholfreien Winterpunsch gibt’s auch) aus dem Lehen-Sortiment wärmen kann.

Christoph Scholz

Christoph Scholz

Christoph Scholz ist 45 Jahre alt und Familienvater. Sein Geld verdient er als Projektleiter bei Semmel Concerts. Privat beschäftigt er sich gerne mit den Themen Essen, Trinken, Kochen, Gastronomie und Hotellerie.

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