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Gessn werd dahaam

“Bareid für den Blaneden” – Klimaentscheid und ein Besuch in der Hamsterbacke Bayreuth

Auf seiner kulinarische Entdeckungsreise durch Oberfranken macht Christoph Scholz dieses Mal Station bei dem Unverpacktladen Hamsterbacke in Bayreuth.

Die Regierung lässt uns derzeit wissen, dass zu Hamsterkäufen keine Veranlassung besteht. Dennoch beschließe ich, auf Nummer sicher gehen und unsere Vorräte dahaam aufzufüllen.

Hamsterkäufe und ein Blick in die Vorratskammer

Bevor ich aufbreche, werfe ich einen Blick in unsere Speisekammer, um festzustellen, was ich hamstern sollte. Da steht eine angebrochene 200-Gramm-Packung Mohn, denn vor ein oder zwei Jahren benötigte ich einmal 10 Gramm für einen Zitronen-Mohn-Kuchen nach Rezept von Yotam Ottolenghi. Mindestens haltbar waren diese recht teuren „Dampf-Mohnsamen“ bis zum 1. Oktober 2018.

Ob zwei Jahre übers Verfallsdatum gelagerte Mohnsamen noch brauchbar sind? Was soll schon passieren? Haben Sie vor ein paar Tagen die Geschichte eines 24-jährigen Bielefelders gelesen, der Dosen mit getrockneten Kartoffeln, Verpflegung der australischen Streitkräfte aus dem Zweiten Weltkrieg, fand und sogar probierte? Trotz des stolzen Alters von 76 Jahren fand er lediglich den Geschmack muffig.

Der Mohn muss weg

Seufzend stelle ich den Mohn ins Regal zurück. Vielleicht schaffe ich es, zwischen den Jahren diesen Zitronen-Mohn-Kuchen ein weiteres Mal zu backen? Nicht, weil er mir beim ersten Versuch sonderlich gut gelungen wäre, sondern weil der Mohn weg muss. Vorwurfsvoll glotzt mich eine ebenfalls angebrochene 1-Kilogramm-Packung Kichererbsen mit Mindesthaltbarkeitsdatum 20. September 2020 an. Die sind sicher noch eine ganze Weile gut. Aber wann werde ich mich aufraffen, die Kichererbsen über Nacht in Natronwasser einzuweichen? Vielleicht für ein gutes altes Chili con Carne?

Der böse Blick

Neben den Kichererbsen steht eine, Sie ahnen es, angebrochene Kilopackung roter Linsen. Diese sind immerhin noch bis mindestens 30. Dezember 2021 haltbar. Welch ein Glück! Bezüglich der Linsen droht kein Ärger mit meiner Frau, die ihren bösen Eine-Augenbraue-Hochgezogen-Blick aufsetzt, wenn ich alte, angebrochene Packungen an ihr vorbei aus unserer Speisekammer in die Mülltonne zu schmuggeln versuche.

Aber, Hand aufs Herz, werde ich es bis Dezember nächsten Jahres schaffen, nochmal die „Thailändische Rote-Linsen-Suppe mit aromatischem Chiliöl“, ebenfalls von Yotam Ottolenghi, zu kochen? 250 Gramm roter Linsen würden dafür verbraucht. 500 Gramm stünden dann aber immer noch rum …

Ich vermute, Sie, liebe Leserin, und Sie, lieber Leser, haben solche Speisekammermomente zwischen schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen, nie wieder was wegzuwerfen, auch schon erlebt. Abhilfe von solch angebrochenen Kilopackungen mit Kichererbsen schafft seit dem Sommer der Bayreuther Hamsterbacke-Laden am Hohenzollernring 67, in dem Sie fast alle Grundnahrungsmittel unverpackt erhalten.

Unverpackt einkaufen in der Hamsterbacke Bayreuth

Ihr Einkauf dort ist unkompliziert: In ein mitgebrachtes Behältnis, zum Beispiel ein Marmeladenglas, dessen Gewicht vorm Einkauf gewogen und mit einem kleinen Strichcodeaufkleber darauf festgehalten wird, füllen Sie Ihre, sagen wir, Kichererbsen. An der Kasse wird ein zweites Mal gewogen, das Leergewicht abgezogen, fertig. Und wenn Sie einmal ein eigenes Behältnis vergessen haben sollten, dann ist das kein großes Problem, denn in einem Regal am Eingang stehen gespendete Gläser und Flaschen.

All das erklärt und zeigt mir Wolfgang Strupat, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Er ist eines von mittlerweile rund 700 Vereinsmitgliedern. Um in der Hamsterbacke einzukaufen, muss man aber nicht Vereinsmitglied sein.

In der Hamsterbacke geht es also nicht um Hamsterkäufe, sondern darum, das, was man zum Leben braucht in der benötigten Menge ohne Verpackungsmüll einzukaufen. Diese Bayreuther Initiative fußt auf einem globalen Trend, dessen Beginn sich vor etwa zehn Jahren ausmachen lässt, als „The Source Bulk Foods“ in Australien startete. Mittlerweile gibt es Läden unter diesem Namen im Vereinigten Königreich, in Neuseeland oder Singapur mit regionalen produzierte Lebensmittel in Bioqualität, Öle oder Snacks zum „Nachfüllen“. „The Waste Less Shop“ in Los Angeles, ebenfalls ein Unverpackt-Laden, pflanzt für jeden Einkauf sogar einen Baum.

Auch Supermarktketten reduzieren Verpackungen

Die Supermarktkette Lidl verkauft immerhin schon mal Gemüsenetze und stellt „Ich bin noch gut“-Boxen auf, wo Lebensmittel mit, zumindest laut Datumsstempel, nur noch kurzer Haltbarkeit vergünstigt angeboten werden. Lidl hat das Bio-Sortiment in den letzten Jahren kräftig erweitert, reduziert Verpackungen, druckt mittlerweile neben dem Mindesthaltbarkeitsdatum ein „Ich halte oft länger“-Logo auf viele Lebensmittelverpackungen.

Kürzlich las ich, dass Luxus-Champagner Ruinart jetzt auch eine schicke Flaschenhülle aus Holzfasern anbietet. So will man bewusst weg von aufwendigen Geschenkverpackungen, die aus Schaumstoffen, Kunstholz und zig anderen synthetischen Materialien bestehen, deren Trennung beim Recycling nicht möglich ist, die also verbrannt werden müssen.

Ein sympathisches Detail in der Hamsterbacke sind die Schilder mit Produktinfos neben den großen Behältnissen. Hier erfährt man, wie viele Kilometer das jeweilige Lebensmittel nach Bayreuth zurückgelegt hat, erfährt kleine Geschichten über die Produzenten und hinter den Produkten. So macht mir Einkaufen Spaß. Ich werde fortan samstags vom Bayreuther Wochenmarkt öfter mal zur Hamsterbacke rübergehen.

Projekte wie die Hamsterbacke stehen für die große Herausforderung in allen Ländern, allen Gesellschaften, ein Bewusstsein und eine Mehrheit für ernsthafte Klimaprojekte auf unserem Planeten zu schaffen. Weil auch Bareid etwas fürn Blandeden tun will, ist eine Bürgerbewegung entstanden, die den Klimaentscheid Bayreuth initiiert hat.

Klimaentscheid Bayreuth fordert klimaneutrales Bayreuth

Bis 2030 soll Bayreuth klimaneutral werden, wozu es politische Rahmenbedingungen und Entscheidungen braucht. Ein erster Schritt ist ein Bürgerbegehren, für das ab 2. November zunächst mindestens 3600 Unterschriften gesammelt werden müssen. Bitte erlauben Sie mir, für dieses wichtige Anliegen hier die Werbetrommel zu rühren.

Was in Bayreuth getan werden muss, um „Klimastadt“ zu werden steht im Klimastadtplan, der mit der Organisation GermanZero erarbeitet wurde. Ich habe die Organisatoren getroffen und werde in dieser Kolumne im November und Dezember ausführlicher berichten. Und ich nehme Sie mit nach Helmbrechts zum Kleidungsproduzenten Bleeds und nach Schirnding, einem Fleckchen, das schon fast in Tschechien liegt, in die außergewöhnliche Möbelschreinerei Edictum.

Auch wenn die Krise derzeit wieder mal alles überschattet und uns alle erneut zwingt, dahaam zu essen, bin ich nach meinen letzten Interviews mehr denn je davon überzeugt, dass unglaublich viel passiert in Sachen regionaler Produktion, Klimaschutz, Digitalisierung, dass unter diese Krise viel gewachsen ist, von dem wir in Zukunft profitieren werden. Wir lesen uns bald wieder.

Meine Tipps:

Christoph Scholz

Christoph Scholz

Christoph Scholz ist 45 Jahre alt und Familienvater. Sein Geld verdient er als Projektleiter bei Semmel Concerts. Privat beschäftigt er sich gerne mit den Themen Essen, Trinken, Kochen, Gastronomie und Hotellerie.

Eine vegane Brotzeit á la Bleed (Link zum Rezept gibt es unten im Text). Foto: Kristoffer Schwetje/BleedEine vegane Brotzeit á la Bleed (Link zum Rezept gibt es unten im Text). Foto: Kristoffer Schwetje/Bleed
Christoph Scholz zu Besuch im Unverpacktladen Hamsterbacke in Bayreuth. Foto: Christoph ScholzChristoph Scholz zu Besuch im Unverpacktladen Hamsterbacke in Bayreuth. Foto: Christoph Scholz
Verkaufsraum der Geseeser Landbäckerei. Foto: Geseeser LandbäckereiVerkaufsraum der Geseeser Landbäckerei. Foto: Geseeser Landbäckerei
Rapsody of Spices in Kulmbach wird von den Azubis der Firma Raps geführt. Hier im Bild: Natalie Hofmann (links) und Maria Limmer (rechts). Foto: Christoph ScholzRapsody of Spices in Kulmbach wird von den Azubis der Firma Raps geführt. Hier im Bild: Natalie Hofmann (links) und Maria Limmer (rechts). Foto: Christoph Scholz
Christoph Scholz vor dem Meinel Bräu mit den Schwestern Gisi Meinel-Hansen (Mitte) und Moni Meinel-Hansen (Rechts). Foto: PrivatChristoph Scholz vor dem Meinel Bräu mit den Schwestern Gisi Meinel-Hansen (Mitte) und Moni Meinel-Hansen (Rechts). Foto: Privat
Swagman im Industriegebiet. Foto: Christoph Scholz
Möbel
Foto: Christoph Scholz
Foto: Melanie ScholzFoto: Melanie Scholz
Foto: Christoph ScholzFoto: Christoph Scholz
Foto: Redaktion
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