Gessn werd dahaam

Gessn werd dahaam: Ein Möbelretter aus Schönficht

In Folge 14 von Gessn werd dahaam ist Christoph Scholz ein zweites Mal in der Oberpfalz unterwegs: Diesmal ist er zu Besuch auf dem Antikhof Schönficht bei Markus Schulwitz.

Von der Schustermühle in Kemnath, die ich in der vorigen Folge von „Gessn werd daahm“ besucht habe, gleitet die Alte Lady, unser guter Stern auf allen Straßen, weiter hinein in die Oberpfalz, wo ich mit Schreinermeister Markus Schulwitz auf seinem Antikhof im Dörfchen Schönficht verabredet bin. Mit ihm möchte ich mich über den Esstisch unterhalten, jenen Ort, von dem ich vermute, dass wir an ihm, nach dem Bett, am zweitmeisten Zeit verbringen.

Markus Schulwitz vom Antikhof Schönficht. Foto: Christoph Scholz

„Ich kann überall essen, notfalls im Stehen. Trotzdem habe ich immer die Idee eines Küchentisches
geliebt, um den sich die Menschen versammeln“, schwärmt auch Nigel Slater, professioneller
Hobbykoch und Food-Kolumnist beim „Guardian“, den Sie aus der Zucchini-Folge kennen, in seinem „Küchentagebuch“. „Ein Tisch, den ein paar Weinglasringe, Fettflecken oder sogar ein vereinzelter Brandfleck von einer heißen Kasserolle nur besser machen.“ Slater hat seinen Küchentisch aus dem Holz englischer Eichen, die tausende Jahre im sumpfigen Moorboden von Cambridgeshire versteckt lagen und so konserviert wurden, zimmern lassen. Ein Bauer entdecke diese alten Hölzer.

200 Jahre alte Schätze

Markus Schulwitz ist nicht in englischen Mooren unterwegs, er spürt alte Möbel auf den Bauernhöfen und bei Haushaltsauflösungen in einem Radius von etwa 30 Kilometern um Schönficht herum auf. Wenn Sie ihn auf seinem Antikhof, einem idyllischen Bauerngehöft, das er und seine Familie als Wohnhaus und Werkstatt liebevoll saniert haben, besuchen, führt er Sie auf den Dachboden einer gewaltigen Scheune.

Möbel

Auf dem Dachboden. Foto: Christoph Scholz

Dort lagern hunderte Stühle unterschiedlichsten Aussehens, verwitterte Truhen, unzählige Schränke in allen nur erdenklichen Formen und Größen, Bänke und Möbel aus alten Zeiten, deren ehemalige Funktionen wir heute nur erahnen können. Um die 1.000 Teile sind jeweils vorrätig, manche bis zu 200 Jahre alt, sechs oder sieben Generationen haben mit ihnen gelebt.

Möbel

Foto: Christoph Scholz

Markus Schulwitz wird Ihnen dann erzählen, wozu dieses oder jenes Möbel unseren Vorfahren gedient hat und was daraus für Ihr, liebe Leserin und lieber Leser, trautes Heim werden könnte.

Wenn geheiratet wurde, brachte die Frau als Aussteuer Bett, Schrank, Truhe und Tisch mit. Diese Möbel wurden aber nicht weggeworfen, sondern in der Familie weitergeben, oft finden wir beim Restaurieren zwei oder drei Bemalungen.

(Markus Schulwitz, Antikhof Schönficht)

Der Lieblingsort der Familie

Wir haben vor einigen Jahren auf diesem verwunschen Scheunenboden unseren Esstisch gefunden,
staubig stand er da, der Holzwurm hatte sich an ihm gütlich getan, aber es war unser Tisch. Ein paar
Wochen später kam dann die Lieferung vom Antikhof, wie neu sah der alte Tisch nun aus und er ist, seit dem Tag seines Einzugs in unser Haus, der Lieblingsort unserer Familie. Hier wird gegessen, hier werden Hausaufgaben gemacht, hier verhocken wir uns mit Freunden bei einem Glas Wein. Lou, unser neues Familienmitglied aus Holland, hat sein Hundelager unter diesem Tisch aufgeschlagen.

Tisch

Aus dem Showroom. Foto: Christoph Scholz

Alles begann mit einem Küchenschrank

„Alles begann, als mein Vater 1982 einen Küchenschrank geschenkt bekam, diesen herrichtete und
sah, dass man damit auch Geld verdienen kann“, so Schulwitz. Der Vater stammt aus einem Zimmerer- und
Baugeschäft aus der Gegend. 1984 startete er sein Geschäft in Schönficht, 1987 wurde der Bauernhof
erworben. Schulwitz Senior und Junior feiern heuer das 35-jährige Betriebsjubiläum. „Die Liebe zu den
schönen Dingen treibt uns um, wir erhalten sie und arbeiten somit nachhaltig.“ Auch um
ausgefallene Wünsche kümmert sich Schulwitz. Eine Holzbadewanne hat er schon gefertigt und zwei
buddhistische Altäre; als ich ihn besuche, arbeitete er an einer aufwändigen Schellack-Politur.

Tisch

Aus dem Showroom. Foto: Christoph Scholz

Schulwitzmöbel statt Kunst

Alle paar Jahre überkommt meine Frau und mich der dringende Wunsch, die magische
schulwitzsche Möbelscheune zu besuchen. Andere Leute sammeln Kunst, wir Schulwitzmöbel (die
außerdem erschwinglicher als Kunst sind und ewig halten). Meine Tätigkeit als bt-Kolumnist und der
Umstand, dass wir vor ein paar Monaten das alte, seit Jahren leerstehende, Wirtshaus in Unternschreez neben dem Schloss gekauft haben, um es zu sanieren, sind gute Gelegenheiten, den Antikhof wieder einmal zu besuchen. Wir wollen diesmal gleich eine ganze Küche dort bauen lassen.

Was macht einen guten Esstisch aus, will ich wissen. „Die richtige Höhe.“ Heute sind die meisten
Tische 75 cm hoch, 78 bis 82 cm waren es früher. „An neuen Wirtshaustischen sitzt man einfach
nicht gescheit“, meint Schulwitz. Ich werde es im Kopf behalten, denn einen neuen Stammtisch für
Unternschreez lassen wir auch in Schönficht zimmern. An ihm haben alte Oberpfälzer vielleicht vor
hundert Jahren schon gekartelt.

Aus dem Showroom. Foto: Christoph Scholz

Kinder mit langen Daumen

Es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass die Kinder unserer Kinder erblich bedingt längere Daumen haben werden wegen dem ständigen Getippe auf den Smartphones. Ich sehe sie schon vor mir, meine langdaumigen Enkelkinder, wie sie um den neuen alten Tisch herum sitzen werden in zehn oder fünfzehn Jahren. Vielleicht spielen sie dann wieder Karten, weil die Handys aus der Mode gekommen sind.

Die Möbelretter

Nicht nur gessn wird dahaam, auch gelesen wird daaham an unserem großen Tisch aus der
Oberpfalz. So entdeckte ich bei der Lektüre der Wochenzeitung „Die Zeit“ einen Artikel mit Portraits
von Unternehmern, Privatleuten und Politikern, die ganz praktisch am Klimaschutz arbeiten, so auch
zwei Kölner Freunde, die gebrauchte Möbel restaurieren und sie für kleines Geld über ihre Facebook-Seite „Möbelkiste vom Dabberg“ vertreiben. Die Autorin nennt die beiden „Möbelretter“. Ich werde Markus Schulwitz fortan auch einen „Möbelretter“ nennen.

Wir lesen uns am 2. Oktober wieder, dann besuche ich den Dorfladen Emtmannsberg.

Christoph Scholz

Christoph Scholz

Christoph Scholz ist 45 Jahre alt und Familienvater. Sein Geld verdient er als Projektleiter bei Semmel Concerts. Privat beschäftigt er sich gerne mit den Themen Essen, Trinken, Kochen, Gastronomie und Hotellerie.

Rapsody of Spices in Kulmbach wird von den Azubis der Firma Raps geführt. Hier im Bild: Natalie Hofmann (links) und Maria Limmer (rechts). Foto: Christoph ScholzRapsody of Spices in Kulmbach wird von den Azubis der Firma Raps geführt. Hier im Bild: Natalie Hofmann (links) und Maria Limmer (rechts). Foto: Christoph Scholz
Christoph Scholz vor dem Meinel Bräu mit den Schwestern Gisi Meinel-Hansen (Mitte) und Moni Meinel-Hansen (Rechts). Foto: PrivatChristoph Scholz vor dem Meinel Bräu mit den Schwestern Gisi Meinel-Hansen (Mitte) und Moni Meinel-Hansen (Rechts). Foto: Privat
Swagman im Industriegebiet. Foto: Christoph Scholz
Möbel
Foto: Christoph Scholz
Foto: Melanie ScholzFoto: Melanie Scholz
Foto: Christoph ScholzFoto: Christoph Scholz
Foto: Redaktion
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